Montag, Dezember 12, 2005

Frau Wunder lässt tief blicken

Ganz genau! Und zwar in mein Inneres. Ich weiß, dass die Zeit reif ist, die Wahrheit ans Licht zu lassen.
Wir machen uns schon zum zweiten Mal in diesem Jahr auf, ein ganz bestimmtes Konzert zu besuchen. Mark Owen, Ja, der Kleine von Take That. Warum auch nicht? Robbie W. mochten wir nie. Aber Mark!
Im Sommer waren wir hin und weg. Von der Musik hatten wir uns sicherheitshalber mal gar nichts erhofft. Wir sind aus reiner Neugier hingegangen. Überraschenderweise war seine Musik richtig gut und er - bezaubernd wie eh und je. Kurzweilig verfiel ich in eine postpubertäre Schwärmerei, aber nach einigen Wochen war ich wieder ganz ich selbst - gefühlskalt und depressiv.
Jetzt steht also das zweite Konzert an, ich erfahre nur zufällig davon. Die Entscheidung ist schnell getroffen. Mein schlagendes Argument gegenüber "Müriam" (Name geändert, Person will nicht erkannt werden): "Wenn es die Möglichkeit gäbe, einmal klein Fräulein Wunder und klein "Müriam" zu treffen, wie würden wir uns selber erklären, niemals zu einem Konzert unserer Teenagerliebe gegangen zu sein, als wir die Möglichkeit hatten?" Überredet. Ich hatte früher nicht die Möglichkeit meiner tristen Heimat zu entfliehen und ein Konzert einer megaultrageilen Boygroup zu besuchen. Ich musste heulend - mit Kuschelteddy im Arm - Thomas Gottschalk gucken, um meinem Mark nahe zu sein.
Die Zeit vergeht wie im Flug und plötzlich ist der Tag da. Ich bin so müde, habe den ganzen Tag gearbeitet und muss mich jetzt innerhalb weniger Minuten stylen. Moment, Hunger! Noch schnell eine Käsestulle. Dann mache ich mich auch schon auf den Weg zu einem nicht ganz unschäbbigen Club in Köln. Um viertel nach sechs sind wir da. Aber wir haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Es empfängt uns eine Horde Weiber. Die sehen vielleicht komisch aus. So ähnlich wie früher die Kelly-Fans: Pickel, Nasenfahrrad mit Kassengestell, wahrscheinlich noch nie Kontakt zum anderen Geschlecht gehabt, es sei denn, Knutschen mit einem Bravo-Poster zählt dazu. Strange halt. Wir stehen da so in der Schlange und hören zwangsläufig die Unterhaltungen der Anderen mit. Man kennt sich. Das ist eine eingeschworene Gemeinde hier. Dann die Frage des Abends: "Macht ihr alle Konzerte?" Hilfe!!! "Müriam" und ich können uns kaum halten vor lachen. Wie sind die denn drauf? Später haben wir das Vergnügen mit einem der Freaks zu sprechen. Ist gar nicht so teuer wenn man sich das Auto mit vier Mann teilt und von Konzert zu Konzert fährt. Die haben doch nicht mehr alle Latten am Zaun.
Mark ist jetzt bereits zweimal an uns vorbei gegangen (schmacht! er hat uns angelächelt) und wir stellen fest, dass er doch recht klein ist. Aber er hat sich extra ein Cliff auf dem Kopf gebaut, damit wir ihn auch gut sehen können.
Wir stehen so ungefähr in der achten Reihe. Der Raum ist gefüllt - von weiblichen Aggressionen. Stutenbissigkeit wo man nur hinblickt. Einige Mädels haben ihren Freund in der Menge geparkt und ihn mit Digitalkamera ausgerüstet. Die stehen alle blöd rum und versperren uns die Sicht. Schadenfreude: Sie müssen knipsen, währen Madam vorne steht und einen anderen Typen anhimmelt. Wie übel.
Das letzte Konzert war besser - hier kriegt man fast Angst. viele sind müde, jeden Tag der Woche ein Konzert in einer anderen Stadt und dann morgen auch noch nach Hamburg.
Der Knaller ist wohl der alte TT-Hit `Could it be Magic`. Die Meute rastet aus. Ich stehe kurz vor einem Hörsturz, das abartige Weibergekreische nimmt mich ganz schön mit.
Im Bett denke ich noch kurz an den lächelnden Mark und schlafe dann glücklich ein.

Sonntag, Dezember 11, 2005

Sonntag, Oktober 30, 2005

Donnerstag, Oktober 27, 2005

Final Destination: London






Maidstone, Canterbury, London 19.10. – 23.10.05


Von London Gatwick geht es innerhalb einer guten halben Stunde nach Maidstone. Auf der falschen Seite versteht sich. Es ist schon ziemlich spät, aber die liebe Gastmama zaubert trotzdem noch schnell ein Dinner. Mitten in der Nacht. Ich habe eigentlich keinen Hunger. Aber stehen lassen ist wohl keine gute Idee – mmhh, lecker. Aber: Bauchweh im Bett.

Das Haus hat Geheimgänge und wirkt von außen kleiner, als es ist. Ich schlafe in einem goldenen Bett. Fühle mich wie die Prinzessin auf der Erbse. Nebenan schnarcht der indische Papa, ich bin so müde, dass ich mich jetzt schnell in sein Konzert einklinke. Ich schlafe wie ein Stein. Liegt wohl daran, dass die Erbse unter den zwölf Matratzen fehlt.

Morgens ist die indische Mama schon wach und kocht mir einen schweineleckeren Tee – mit indischen Gewürzen und frischem Ingwer. Wir halten erstmal ein Kaffeekränzchen ab. Ich werde über die Familie informiert, die ursprünglich aus Indien stammt, dann aber nach Kenia zog und die es Jahre später nach England verschlagen hat. Zum Frühstück werden feinste indische Köstlichkeiten kredenzt und ich beschließe, jetzt öfter zu kommen. Dann erfahre ich auch, was es mit dem seltsamen Hügel mit Schornstein im Garten auf sich hat. Hier leistet sich nämlich jeder, der was auf sich hält, einen Original 2. Weltkrieg-Luftschutzbunker. Aha.

Nach dem Frühstück geht es kurz nach Maidstone. Nachmittags fahren wir zur Uni nach Canterbury, was in der Grafschaft Kent liegt. Hier darf ich an einem Seminar teilnehmen: Investigations Into The German Language. Was für ein Zufall, dass ich Deutsch studiere. Für heute ist Phonetik angesetzt, eigentlich habe ich dazu gar keine Lust – gähn.

Aber meine verehrten Kommilitonen und Kommilitoninnen, so was habe ich noch nicht gesehen! Besonders die Kölner, jetzt nicht weinen! Im kleinen Raum sitzen neun Leute, alle haben einen Sitzplatz – und damit meine ich einen echten, funktionierenden Stuhl – mit Tisch und freuen sich auf ihr Seminar. Die Leute sind alle gut drauf. Dann kommt der Prof, ist zwar tierisch am ölen, aber klasse. Er begrüßt mich ganz lieb, stellt weiteren deutschen Besuch vor und legt los. Ich habe mich körperlich und geistig schon auf zwei langatmige schwere Stunden eingestellt. Aber es soll alles anders kommen…

In diesen beiden Stunden höre ich deutsche Dialekte, von denen ich nicht mal wusste, dass sie existieren. Es ist so lustig. Natürlich werde ich ständig nach meiner Meinung gefragt und diene somit als authentisches Anschauungsobjekt. Und ich komme mir so wichtig und allwissend vor – geiles Gefühl. Die Zeit vergeht wie im Flug. In meinem nächsten Leben studiere ich hier. Mama, Papa: Schon mal sparen! Ich glaube, dass Studieren manchmal sogar Spaß machen kann und nicht nur aus Bürokratie besteht.

Danach gehen fast alle zusammen zum K Club. Eine Bar, mitten auf dem Campus, in einem Wohnheim-Hörsaal-Gebäude. Wir sitzen bei ´nem Bierchen und verzähl´n. Hier kommt jeder woanders her, aus Dänemark, Skandinavien, England, Tschechei oder Buxtehude. Jan und Q haben länger in Deutschland gelebt und lassen mich an ihren deutschen Gewohnheiten wie z.B. Marienhof – anscheinend kann man hierbei gut Deutsch lernen (als Mann? Komisch.) teilhaben. Aus einem Bier werden zwei usw. So sitzen wir hier zusammen und die Stunden vergehen. Später am Abend sehe ich mir noch das 10 qm²-Zimmer von Sej an. Das kostet in der Woche Fünfundneunzig Pfund. Ist das krass, oder was? Ich glaube man muss hier krumme Dinger drehen um die ganze Asche fürs Studium zusammenzukriegen. Immerhin ist der Semesterbeitrag bei € 2500,- angesetzt. Oder die Familien werden bei Brot und Wasser im Zelt untergebracht, wahlweise auch im Original 2. Weltkrieg-Luftschutzbunker!

Zu Hause in Maidstone lerne ich den Rest der Familie kennen. Der Chef sitzt im Wohnzimmer und sieht fern. Oder er überlegt sich gerade, was er heute Nacht vorschnarchen soll. Es gibt wieder leckeres Essen. Bin ich froh, dass ich nicht bei waschechten Engländern bin und Schafsgehirnkuchen mit Gravy und Blutwurstpudding essen muss. Es gibt ein feines Chickencurry mit Kichererbsen, selbst gebackenen Chapati und mit scharf, aber ohne Besteck. Feine Sache. Ich darf nicht beim Spülen helfen. Ist ja auch nicht so viel, Besteck muss ja keins gespült werden. Auch gut. Geh´ ich halt fernsehen.

Nächster Tag. Sehr früh. Viel zu früh. Wir sitzen im Zug und ich bin so müde. Einige Leute haben sich für den heutigen Tag richtig rausgeputzt. Schön mit Jogginganzug, fetten Goldketten und so. Tres chic sag´ ich da nur.

Endlich bin ich hier und muss mich nie wieder schämen. Die erste Aufgabe ist, meinen Onkel zu finden. Das gestaltet sich schwieriger als geplant. Erstmal warten wir eine Stunde in der Nähe des Trafalgar Square. Dann schaffen wir es, Verbindung aufzunehmen. Als wir uns dann endlich finden, kann die Tour starten.

Big Ben, aha. Buckingham Palace, oh ja. Tower Bridge, uiuiui. London Dungeon, oho. London Bridge, aber nicht das Original denn dieses steht mittlerweile in Arizona. Kein Scheiß. Stundenlang entlang der Themse, zum Schluss St. Pauls Cathedrale. Dann sind wir auch schon vier Stunden vergangen, unsere Füße müde und der Magen hängt uns in den Kniekehlen. Wir versuchen uns mal wieder im U-Bahnfahren. Ich schalte mein Gehirn aus und überlasse das Denken den anderen. Wir essen in einem portugiesischen Restaurant. Leider gibt´s nur Huhn, ich hoffe es ist alt und zäh und noch nicht mit der Hühnerpest verseucht, die es laut Daily Mirror-Schlagzeile seit gestern hier gibt. Trotzdem lecker. Eigentlich wollten wir noch zur Oxford Street richtig was einkaufen. Aber wenn mir keiner sagt, dass die Geschäfte so früh schließen! Selber Schuld. Ich werde mein Geld ja morgen am Flughafen ausgeben. Der Wein hier ist lecker. Also trinken und quatschen wir.

Dann müssen wir nach Hause, man ist müde und die Familie wartet. An so was bin ich nicht mehr gewöhnt. Aber ich will dem Chef ja nicht auf der Nase rumtanzen. Aber vielleicht schnarcht der auch schon wieder fröhlich vor sich hin. Lassen wir ihn trotzdem im Glauben, er sei der Boss.

Ich habe beschlossen, dass ich wiederkomme. Das nächste Mal will ich aber länger in London selbst bleiben. Schrecklich, jedes Mal wenn ich länger mit diesen Briten zu tun habe, entwickle ich diesen britischen Akzent. Gut, dass mich hier niemand kennt. Aber ist bestimmt auch lustig.
Der Chef holt uns vom Bahnhof ab. Er sitzt still im Auto und hört Bollywood-Musik. Tut mir leid Papa, aber irgendwie muss ich an dich denken und stelle mir vor, wie du im Auto indisches Gedudel hörst.

Was für ein Tag! Mal ebenso die Verwandtschaft aus Los Angeles in London getroffen. Ich schlafe ewig. Morgens gibt es Mittagessen, weil es nämlich gar nicht mehr Morgen ist. Dann steht die Verabschiedung von der Familie an. Die sind Zucker. Ich lass mich adoptieren, aber nur für die Male, die ich in England bin. Dann krieg ich noch ein Abschiedsgeschenk. Ein traditionelles indisches Oberteil. Hab ich mich so gut geschickt? Dann brauch ich mir ja keine Gedanken zu machen. Ich darf sogar wiederkommen. Ihr wisst ja nicht, wie ernst ich dieses Angebot nehme. Ich werde früher wieder hier sein, als euch lieb ist. Aber sie sagen, dass sie sich freuen würden, wenn ich bald wiederkäme. Wie gesagt, ich nehme euch beim Wort. Mein nächster Besuch ist schon in Planung.

Natürlich hat der Flieger Verspätung, wie immer. Also bleibt mir nix anders übrig, als mir die Zeit mit dem Einsatz meiner Kreditkarte zu vertreiben. Das Flugzeug sollte jetzt besser kommen – vor lauter Tüten fallen mir sonst noch die Arme ab. Und das sähe sicher blöd aus. Es kommt. Habe Glück, kann alleine sitzen. Vor mir sitzt so ein kleiner Rotzlöffel, in der Blüte seiner Pubertät, so richtig mit fiesen Pickeln. Der betreibt heimlich und mit Unterstützung seines Loser-Vaters ein GPRS-Gerät. Und ich mache meinen MP3-Player brav aus, wenn ich dazu aufgefordert werde. Ich frage mich wozu. Blödmann da vorne. Ich überlege, ob ich ihn verpetzen soll. Ha ha, das wär lustig, aber leider kann man die ja nicht aus dem Flugzeug werfen. Dann lass ich es.